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I’m coming out!

Ein Vergleich: Die Emanzipation von Hochbegabten und Homosexuellen

 

Frans Corten, 2008

 

Übersetzt aus dem Niederländisch von Caro van Eck, 2012

 

Um die Emanzipation der Hochbegabten ist es schlecht bestellt. Diskriminierung kommt häufig vor und fast alle sind noch ‚im Schrank’. Wie haben das die homosexuellen Menschen gemacht? Und was können Hochbegabte daraus lernen?

Dieser Artikel ist eine Wiedergabe eines Vortrags von Frans Corten auf der Tagung „Hochbegabt, das sieht man gleich’, die in 2007 von unter anderem Willem Wind und Maud (Kooijman) van Thiel organisiert wurde. Er beschreibt die Situation in den Niederlanden in 2007.

 

Zwei Emanzipationsvorgänge

Es ist noch sehr wenig geschrieben worden über die Emanzipation von Hochbegabten. Wie Hochbegabte wahrgenommen werden, welchen sozialen Einschränkungen sie begegnen, wir können es nur vermuten und unsere Erfahrungen aufdecken. Es gibt wenig Studien über hochbegabte Erwachsene, auch nicht über deren Karrieren.

 

Als Betroffener beider Gruppen – schwul und hochbegabt - betrachte ich vor allem die gesellschaftliche Sichtbarkeit beider Gruppierungen und die Rolle der Wirtschaft. Dazu benutze ich Bildmaterial aus Medien und Öffentlichkeit weil daraus über beide Emanzipationsprozesse viel abzulesen ist.

 

In 2005 interviewte ich Henk Krol, er ist Chefredakteur der Gay-Krant (eine große Schwulenzeitschrift in NL). Wir entdeckten viele Parallelen zwischen der Entwicklung des COC’s (wichtigster Verein für homosexuelle Männer und Frauen in NL) und der Entwicklung von Mensa (wichtigster Verein für Hochbegabte weltweit), vor allem was soziale Einschränkungen für beide Minderheiten betrifft. Diese Einschränkungen finden ihren Ursprung manchmal in der Realität, aber weitaus öfter in komplizierteren Aspekten so wie Image, Wahrnehmung, Selbstbild und Selbstachtung. Diese haben eher mit Gefühlen zu tun, gerade für Hochbegabte kann es schwer sein einzusehen, dass objektive Gegebenheiten manchmal unwichtig sind.

 

Eine kleine Image-Studie

Dieser Artikel wurde geschrieben nach meinem Vortrag in Amsterdam auf der obig genannten Tagung wobei ein neues Model für Hochbegabung präsentiert wurde von Maud (Kooijman) van Thiel. Aus einer Umfrage im Tagungsraum zeigte sich, dass 81% der ca. 140 Anwesenden meinten, dass hochbegabte Menschen der Gesellschaft fremd sind, 4% meinten dass es ihnen vertraut ist. Das Image der Homosexuellen erschien ihnen positiver: 52% meinten, dass diese der Gesellschaft fremd sind, 16% meinten, dass sie ihr vertraut sind. Die große Mehrzahl meint also dass Hochbegabung der Gesellschaft fremd ist – fremder noch als Homosexualität! (14% der überwiegend hochbegabten Anwesenden finden Hochbegabung auch selbst beunruhigend.)

 

Dem zufolge ist das Image der Hochbegabten in der Gesellschaft rundherum schlecht: 81% der Anwesenden glaubt, dass man sie als etwas Befremdendes empfindet. Das ist viel schlechter als das Image von Schwulen/Lesben! Im schon zitierten Interview mit Henk Krol kam diese Vermutung bereits zur Sprache: „Es sieht so aus, als ob es auf der Arbeit weniger Folgen hat, wenn man schwul oder lesbisch ist, als wenn man offen hochbegabt ist. Eigentlich ist das schon merkwürdig. Intelligent zu sein ist doch ein Pluspunkt?“

 

Jedes Jahr kommen ca. eine halbe Million Besucher zur Canal Pride in den Grachten von Amsterdam und generiert es einen enormen Medienrummel. Dafür ist es natürlich wichtig dass es viel zu sehen gibt. Ausgelassenes Verhalten hat hier eine wichtige Funktion: Auffälligkeit ist notwendig damit man gesehen wird.

 

Die Sichtbarkeit der Homosexuellen

Wie steht es um die Sichtbarkeit der homosexuellen Menschen und wie reagiert die Gesellschaft darauf? Einer der Anlässe, an dem sich Homosexuelle - meist schwule Männer - zeigen, ist der Canal Pride in Amsterdam oder auch Gay Pride genannt. Das ist jedes Jahr ein wichtiger Moment der Sichtbarkeit der Homosexuellen und deren Bewegung. In 2008 war Minister Plasterk (Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft in NL) mit einem eigenen ‚BildungKulturGayBoot’ dabei, zusammen mit anderen Regierenden. Gemeinsam mit Prinzessin Maxima unterschrieb er einen Vertrag zur Förderung der sozialen Akzeptanz von schwulen Männern und lesbischen Frauen in der niederländischen Bevölkerung. Der Vorsitzende des COC, Frank van Dalen, nannte dies einen historischen Tag, weil Maxima als Mitglied des Königlichen Hauses dabei war – einzigartig in der schwul/lesbischen Bewegung! Frank van Dalen: „Das ist ein wichtiges Signal. Es ist nicht einzuschätzen, wie viele Menschen die Gay Pride noch immer als das Sodom und Gomorra betrachten“. Nach dem Fraktionsvorsitzenden der SGP (in NL eine orthodox christliche Partei) Van der Vlies „ist diese Manifestation weit und breit bekannt für ihrer Liederlichkeit und Extravaganz, wobei verschiedene Homosexuelle selbst nicht wohl fühlen und wofür sie sich sogar schämen.“ Van der Vlies deutet hier auf die andere Seite von auffälligem Verhalten. Aber auch er ist der Meinung dass die Diskriminierung von homosexuellen Menschen bekämpft werden muss. Wir sehen, dass eine ausgelassene Veranstaltung beides sein kann: Anstoß (auch für die Zugehörigen der Zielgruppe) und Symbol für Verbundenheit und das Coming-out. Ein Emanzipationsvorgang kann nicht ohne Heftigkeit verlaufen, so Vizepremier Walter Bos zufolge: „Keine Emanzipation ohne Polarisation. Die Emanzipation der Arbeiter, der Frauen und der homosexuellen Männer und Frauen ist nur über den Kampf gelungen.“

 

Schauspieler Albert Mol war in den Siebzigern einer der ersten offenen Schwulen im niederländischen Fernsehen. Obwohl ihm kein Schwuler ähneln wollte, hat er ihnen den Weg bereitet, sich auf ihre Art outen zu können. Fernsehpresentator Paul de Leeuw macht das heutzutage auch auf seine eigene Weise.

 

Emanzipation betrifft zum Grossteil Image und Symbolik. Der verantwortliche Minister (Symbol für Regierung) unterzeichnet mit der zukünftigen Königin (Symbol des Landes) ein Dokument und besiegelt dies mit seiner Teilnahme an einem aufsehenerregenden Event für Homosexuelle.

Die Beständigkeit und Würde der nationalen Symbole wird verknüpft mit einem Symbol der schwul/lesbischen Bewegung. Hier ist nicht mehr die Rede von Recht und Gesetz, ein seit langem erreichtes Ziel der Emanzipation der Schwulen und Lesben seitdem diese den Heterosexuellen so gut wie gleichgestellt sind. Die Emanzipation ist damit aber noch nicht vollbracht. Homosexualität ist noch immer nicht in jeder Gesellschaftsschicht eine normale Angelegenheit und soziale Ausgrenzung kommt oft noch vor. Gewalttätigkeiten gegen Schwule und Lesben nehmen in den letzten Jahren wieder zu und die Toleranz in den Strassen nimmt wieder ab.

 

Die Bewegung der Homosexellen bekommt auch Unterstützung aus der Wirtschaft. Verschiedene renommierte Betriebe und Organisationen präsentieren sich mit einem eigenen Boot beim Gay-Pride in Amsterdam. In 2007 zum Beispiel IBM, der Sender AVRO, ABN-Amro Bank, die Stadt Amsterdam, die Post. Sie haben alle dasselbe Ziel: Personal anziehen, Respektsäußerung für das eigene schwul/lesbische Personal, die Verkündung eines Image von Toleranz und sozialer Sicherheit im Allgemeinen. Sie nehmen damit auch das Risiko auf sich, bestimmte Gruppen von Kunden abzuschrecken (zum Beispiel Kunden, die eine persönliche Antipathie gegen Schwule und Lesben haben oder solche, die Homosexualität ihres Glaubens wegen abweisen) oder das Image der ‚Gay’-Firma, in der sich manche Kundengruppen nicht mehr wohl fühlen könnten. Aus der Tatsache, dass sich verschiedene Firmen schon mehrfach präsentierten, kann man schließen, dass sie die Wahl zwischen Vorteil und Risiken positiv bewertet haben. Für die Emanzipation ist die Teilnahme der Trägern großer Namen sehr wichtig.

 

Natürlich gibt es auch Sponsoren auf der Gay Pride die sich ihrer schwulen

Zielgruppe ganz direkt zuwenden, so wie der neue TV-Sender XMO.

 

Wer gesehen werden möchte, zeigt sich gerne auch mit einem eigenen Symbol oder einer eigenen Farbe. Die Farbe Rosa und ganz besonders das rosafarbene Dreieck sieht man überall bei schwul/lesbischen Veranstaltungen. Das rosa Dreieck ist ein gutes Beispiel wie sich etwas Stigmatisierendes in ein Symbol von Stolz und Kraft ändern kann. Es war ein Zeichen, das die Nazis benutzten, um homosexuelle Menschen zu stigmatisieren. In den Siebzigern und Achtzigern wurde es aber zum Symbol des homosexuellen Coming-Outs und des Kampfes für die homosexuelle Emanzipation. Das rosa Dreieck wurde in das nationale Homomonument, das in Amsterdam steht, eingearbeitet, es findet sich sogar auch in Madurodam, der Miniaturstadt in Den Haag. Man kann daraus schließen, dass es im Sinne der Emanzipation manchmal besser ist, ein stigmatisierendes Wort oder Zeichen zu umarmen als die negative Bedeutung zu bestreiten.

 

Schwule und Lesben als kommerzielle Zielgruppe

Die Wirtschaft hat auf unterschiedliche Art zu der Emanzipation und Integration von Homosexuellen beigetragen. So ist die Gay-Krant schon seit über fünfundzwanzig Jahren die größte Zeitschrift für Schwule in den Niederlanden. Sie wurde vom ehemaligen VVD-Fraktionsberater (liberale Partei in NL) Henk Krol, einem der ersten offenen Unternehmer in und für das Land der Schwulen gegründet. Viele sehen ihn als Sprachrohr, lange Zeit wurde er sogar öfter eingeladen als das subventionierte COC, in den Niederlanden das offizielle Sprachrohr der Homosexuellen. Und das, obwohl er keine Mitglieder, sondern Leser hat, ca. 90.000. Ohne öffentlichen Zuschuss oder Unterstützung leistet er unternehmerisch seinen Beitrag zur Emanzipation von homosexuellen Menschen. Das historisch eher linke und nicht-kommerzielle COC hatte damit durchaus seine Schwierigkeiten und konnte die Rolle der Wirtschaft für die Emanzipation nicht wertschätzen.

 

Gerade dank der Arbeit von Henk Krol ist es in den letzten Jahren ganz normal geworden, dass große Firmen, die sich nicht speziell an Homosexuelle richten, in Schwulenzeitschriften annoncieren. Waren es erst noch Inserenten mit ganz speziellem Angebot für schwule Männer (Parfums, DVD’s, Saunen usw.), sieht man seit ca. 2003 immer häufiger Inserenten mit allgemeinen Produkten. Diese richten sich an ein breiteres Publikum, wobei Homosexuelle eine kommerziell interessante Zielgruppe darstellen. Hier geht es sowohl um Verkaufs- als Stellenangebote. Scheinbar wiegt der zusätzliche Umsatz gegen  die Gefahr, als ‚Gay’-Firma gesehen zu werden, auf. Es spielt sicherlich eine Rolle, dass Homosexuelle das Image des Trendsetter haben: manch neues Produkt hat schon seinen Weg über die schwule Szene zu anderen trendy Zielgruppen gefunden.

 

So um 2000 herum bekam die Gay Krant Konkurrenz von Lifestylemagazines wie ‚sQueeze’ und das spätere ‚Winq’. Die Erweiterung der Möglichkeit zu inserieren ist von der Wirtschaft sehr begrüßt worden. Männliche Homosexuelle stellen den größeren Teil dieses Marktes dar, lesbische Frauen zeigen sich im Allgemeinen etwas weniger und sind von der Wirtschaft noch nicht so stark entdeckt worden.

 

Auch große Betriebe wie die ABNAmro Bank nutzen diesen Tag um ihre Verbundenheit mit den Schwulen/Lesben ganz klar zu demonstrieren. Sie machen das aus eigenem Interesse und fördern zugleich die soziale Akzeptanz dieser Minderheit.

 

Die Sichtbarkeit der Hochbegabten

Im vorigen Absatz beschrieb ich die sozialen Aspekte des Emanzipationsprozesses der Homosexuellen. Im nächsten suche ich die Parallelen mit dem der Hochbegabten.

 

Hochbegabte Erwachsene sind momentan (2008) in den Medien noch kaum zu finden. Es gibt keinen Hochbegabten-Pride oder ein anderes landesweit bekanntes Event, bei dem erwachsene Hochbegabte als Gruppe eine Rolle spielen. Es gibt für Hochbegabte eigentlich auch keine hochbegabten Vorbilder, die Wegbereiter sein wollen, so wie der Fernsehschwule Paul de Leeuw für die Schwulen. Natürlich gibt es Hochbegabte in wichtigen Positionen und Eingeweihte können sie mühelos aufzählen, aber nur wenige davon sind in dieser Hinsicht ‚out’. Die meisten Hochbegabten sind noch ‚im Schrank’ wie die meisten Schwulen/Lesben vor dreißig oder vierzig Jahren. Hochbegabte haben kein Zeichen, kein Symbol so wie das rosa Dreieck für die Schwulen und Lesben. Der Verein Mensa ist eher in sich gekehrt und spielt kaum eine Rolle in der gesellschaftlichen Diskussion über Hochbegabung. Auffällig ist auch, dass es in keinem Ministerium einen Ansprechpartner für erwachsene Hochbegabte gibt. Es wird für Hochbegabung keine integrale Politik gemacht, für Homosexualität bereits schon ab 1987! Genauso wenig gibt es einen Lehrstuhl für Hochbegabung. Den gab es zwar mal, er beschäftigte sich aber in Theorie und Studien vor allem mit Kindern und Schule.

 

Im obigen Text findet man nicht weniger als fünf Aspekte, in denen sich die homosexuelle Menschen eher als die Hochbegabten zeigen: Ein nationales Event mit wirtschaftlicher Unterstützung, einem gutem Zugang zu den Medien, verschiedene Vorbilder, ein Symbol und einem Zugang zur Politik.

 

Einige Lichtpunkte gibt es jedoch. Das Fernsehprogramm ‚The Beauty and the nerd’ ist bei einem kommerziellen Sender schon ein paar Mal wiederholt worden und ist hinsichtlich der Positionierung vergleichbar erfolgreich wie das Programm ‚Was heißt hier schwul’. In ‚The Beauty and the Nerd’ müssen Paare aus wunderschönen Frauen und superintelligenten Männern schwierige Aufgaben lösen und dabei voneinander lernen. In ‚Was heißt hier schwul’ muss eine sehr hübsche Frau aus zwölf sehr hübschen Männern den echten Hetero wählen. In beiden Shows steht das Image und die Eigenschaften beider Minderheiten auf eine positive Art im Mittelpunkt. Das Wettbewerbselement bringt ein großes Amüsement mit sich, Wörter wie ‚nerd’ und ‚gay’ werden positiv besetzt.

Der jährliche ‚IQ-Test’ ist schon seit einigen Jahren im niederländischen Fernsehen zu sehen. Ist dort jemals Hochbegabung genannt worden? Das könnte eine auserlesene Chance für Profilierung sein, ist es aber nicht. Der Philosoph und Professor Bas Haring hat sein eigenes Programm. Für Eingeweihte ist er als Hochbegabter erkennbar, er spricht auch über entsprechende Themen. Haring könnte ein Vorbild sein. Positiv sind auch die Auftritte des hochbegabten Autisten Daniel Tammet (sein Buch: Born on a blue day) unter anderem im Fernsehprogramm Pauw und Witteman. Seine Auftritte haben Unterhaltungswert, aber er zeigt damit auch: sei wer du bist und lass dich sehen.

 

Was braucht man um zu sein wer man ist und sich zu zeigen? Manchmal bedeutet Emanzipation, dass man mehr braucht als andere. Genau wie ein großer Hund mehr Bewegung braucht als ein kleiner und ein Mensch von 2,05m ein speziales Bett benötigt, so brauchen Hochbegabte manchmal mehr Freiheit als andere um auf der Arbeit gut zu funktionieren. Alleine schon dieser Gedanke stößt auf großen Widerstand. In einem vielsagenden Bericht über eine Gerichtsverhandlung zwischen der Universität Twente und einem Wissenschaftler sagt der Chef: „Für ihn gelten keine andere Regeln, nur weil er sagt, er sei hochbegabt.“

 

Die einzige Zeitschrift für Hochbegabte handelt von Kindern. Für und über hochbegabte Erwachsene gibt es noch kein Glossy.

 

Hochbegabte als kommerzielle Zielgruppe

Alleine schon die Tatsache, dass auf dem Symposium in Amsterdam in 2007 kein einziger großer Sponsor teilnahm, ist aussagekräftig. Schließlich gibt es zu wenige Techniker, Informatikspezialisten und Wissenschaftler. Mit Hilfe der Anwesenden hätten an diesem Tag bestimmt ein paar ‚schwierige’ Stellen besetzt werden können. Hier gäbe es also einen ganz direkten wirtschaftlichen Wert. Trotzdem traut sich kein einziger Betrieb hierher. Welche Überlegungen liegen dem zugrunde? Angst vor dem eigenen Image? Unkenntnis? Was sagt das aus über Hochbegabung in der Welt der Unternehmen?

 

Es kann natürlich schon so sein, dass man sich einfach zu wenig bemüht hat, um für diesen Tag Sponsoren zu finden. Genau wie schon das besagte COC haben auch Organisationen für Hochbegabte traditionell eine abwehrende Einstellung zur Wirtschaft. Es ist daher schwierig, Unternehmer einzubinden, um die eigenen Interessen zu unterstützen. Aus eigener Erfahrung weiß ich auch, dass sich viele Türen schließen, sobald man das Wort Hochbegabung hört. Obwohl sich auf dem Gebiet schon langsam was tut, gibt es beidseitig noch viel Unverständnis.

 

Ein Beispiel für die erfolgreiche Verknüpfung von Hochbegabung und Gesellschaft ist das Thema Innovation. Erneuerung ist ein breit getragenes Thema. In verschiedenen Veröffentlichungen wird plausibel erklärt, dass es einen Zusammenhang zwischen Innovation und Hochbegabung gibt (Einen Artikel dazu findet man auf www.werkenwaarde.nl: Highly intelligent and gifted employees - key to innovation? Corten, Nauta & Ronner: HRD-conference 2006) . Gerade Hochbegabte sind hinsichtlich Charakter und Eigenschaften sehr geeignet für Erneuerung und weniger für routinemäßige Arbeiten. In der Welt der Hochbegabten wird diese Tatsache schnell erkannt. Außerhalb dieser Kreise ist das ganz anders. Auf einem internationalen Kongress in Amsterdam über 'Human Resource Management und Innovation’ wurde für diesem Thema erst nach langem Zögern eine kleine Stelle im Programm eingeräumt. Man sah die Relevanz nicht ein. Durch meine Arbeit als Karriereberater weiß ich, dass viele Hochbegabte routinemäßige Arbeit machen, und weil sie darin nicht besonders gut sind, bezweifelt man ihre Fähigkeit für ‚schwierigere Aufgaben’ wie Innovation. Eine doppelt verpasste Chance durch ein falsches Image.

 

Hochbegabte sind als kommerzielle Zielgruppe noch kaum entdeckt. In Zeitschriften für Hochbegabte finden wir die Art von Inseraten, wie man sie vor 20 Jahren in Schwulenblättern sah. Kleine Firmen, die sich ganz spezifisch auf diese Zielgruppe orientieren und außerhalb dieser keinen Namen zu verlieren haben. Die Gestaltung lässt kleine Budgets vermuten, auch da trifft der Vergleich mit den Schwulenzeitschriften von damals zu. Hochbegabte werden nicht für eine interessante Zielgruppe gehalten. Ist das berechtigt?

 

Schlussfolgerung

Wenn wir die Situation von Hochbegabten mit der der Homosexuellen vergleichen, dann fällt uns auf, dass die letztere Gruppe in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht hat. Im Vergleich mit ihnen sind Hochbegabte 30 Jahre im Rückstand. In vielerlei Hinsicht ist ihre Situation ähnlich wie die der Schwulen/Lesben so um 1980.

 

Aus einer durch Gesetz diskriminierten und sozial ausgegrenzten Position hat sich die Situation von Homosexuellen in großen Teilen der Niederlande zum Positiven verändert, sie sind eine respektierte Gruppe. Eine Gruppe, die sowohl von der öffentlichen Hand als auch von der Geschäftswelt Unterstützung erhält. Es gibt Schwule in angesehenen Positionen, die sich ganz offen outen. Dieses Coming Out wird assoziiert mit Gefühlen wie Stolz und Solidarität. Manchmal wird jemand auch öffentlich zwangsgeoutet. Wenn man von dem, was die Bewegung der Homosexuellen erreicht hat, profitiert, kann man schließlich auch etwas zurückgeben , das Ansehen trägt dann zum positiven Image bei.

 

Homosexualität ist traditionsgemäß etwas beängstigendes. Der Gedanke, dass ein Mann einen Mann küssen kann (oder schlimmer), ist für viele unverständlich und verstört das Gefühl der Sicherheit. Es ist nicht leicht, da hindurch den Menschen im Homosexuellen zu sehen. Dieser Vorgang dauert schon Jahrzehnte an und ist noch nicht vollendet. Inzwischen ist ein Bild einer kreativen Gruppe mit Geschmack und Humor entstanden, die den Trends vorangeht, die Stimmung erhöhen kann und sowohl als Konsument als auch als Mitarbeiter begehrt ist. Dies wurde durch positive Kräfte wie zum Beispiel Gefühle wie Stolz bewirkt, auch wenn es gemeinsame Probleme wie HIV (Aids) gab, ein problematisches Spannungsfeld mit allochthonen Jugendlichen, zunehmenden Gewalttaten und schrumpfender Toleranz. Nicht alle Probleme sind gelöst. Diskriminierung ist sozial zwar nicht mehr akzeptiert, es gibt sie aber noch an manchen Orten und in manchen Situationen. Aufmerksamkeit ist immer noch nötig, wobei man nicht genau weiß, wie stabil die erreichte Position ist.

 

Die Frage ist, ob die positiven Eigenschaften, die Schwulen und Lesben zugeschrieben werden, auch wirklich zutreffen. Aber für das Image ist das egal! Das positive Image gibt es einfach und verstärkt sich selbst.

 

Es geht auch anders. Nerd als geschickte positiv gemeinte Andeutung in einem Stellenangebot des IKT-Betriebes AASHQ in Aalsmeer. Auch internetfirma XS4all zeigt sich gerne auf diese Art nach Außen: „Bei uns bekommen sie kein glattes Callcenter ans Telefon sondern einen echten Nerd der vielleicht etwas ungeschickt kommuniziert, dafür aber ihr Problem versteht und löst.“

 

Wie anders sieht die Situation der Hochbegabten aus … Die Ausgangsstellung war viel weniger ungünstig: es war niemals die Rede von gesetzlicher Diskriminierung. Im schulischen Bereich ist inzwischen vieles verbessert, aber das hat noch nicht zu einem positiven Image geführt. Man sieht Hochbegabte als etwas unbequeme, wenig zugängliche und vor allem als besorgniserregende Menschen. Sie können gut Kryptogramme lösen und Computerspiele spielen, aber das ist nicht sehr sozial. Und sie können gut lernen, aber was hat man davon, wenn man keinen EQ hat? Kurzweg, es bleibt unklar, was die normale Gesellschaft für Vorteile von den Hochbegabten hat. Das negative Image wird zudem durch das Bild von nervenden Eltern mit einem unangepassten hochbegabten Kind noch bestätigt. Es gibt viel Neid und wer neidisch reagiert, wird nicht schnell korrigiert.

 

Auch hier ist die Frage ob alle Eigenschaften die Hochbegabten zugeschrieben werden, auch wirklich zutreffen. Aus meiner Erfahrung mit meiner Arbeit mit Hochbegabten heraus habe ich die Überzeugung, dass das Bild nicht stimmt. Studien hinsichtlich Image oder wirklichen Eigenschaften von hochbegabten Erwachsenen gibt es kaum. Einen Lehrstuhl gibt es nicht und auch keine politische Koordinierung. Es ist nicht verwunderlich, dass Hochbegabte ‚im Schrank’ bleiben. Man gewinnt nichts aus der Zuschreibung ‚Hochbegabt’. Dadurch bleibt das negative Image. Ein positives Bild hat nur ein kleiner Teil der Gesellschaft. Der Mensch hinter dem Hochbegabten bleibt verschleiert und darin liegt der Schlüssel zur Emanzipation.

 

Hier ist ein wunderliches Paradox. Hohe Intelligenz erscheint vielen als ein unerreichbares Ideal: „Hochbegabte haben es einfacher und sie werden leicht reich.“ Alle würden gerne – spontan gefragt – einen hohen IQ haben und für den Verein Mensa gibt es eine strikte Aufnahmebedingung. Trotzdem sind Hochbegabte im Allgemeinen nicht stolz auf sich und haben manchmal ein geradezu negatives Selbstbild. Sehen wir uns die Homosexuellen an, dann ist es dort genau umgekehrt: es gibt nur wenige Heterosexuelle, die gerne homosexuell wären und das COC kennt keine Aufnahmebedingung. Aber viele Homosexuelle sind stolz auf ihre Identität und outen sich massenhaft.

 

Was können Hochbegabte tun, um ihr Image zu verbessern? Wie kann man den Prozess der Emanzipation fördern? Emanzipation fängt bei jedem einzelnen Hochbegabten an und dafür gebe ich gerne die nachfolgenden Parolen:

  • Sei einfach du, sei stolz auf dich und zeige ein positives Gefühl.
  • Bleibe in Kontakt mit der Gesellschaft.
  • Nutze die Wirtschaft als kontinuierliche Kraft.
  • Mache der Gesellschaft klar was sie an Hochbegabten hat!
  • Schaffe ein gemeinsames Symbol.
  • Verwandele negative Bezeichnungen in positive (so wie Nerd).
  • Sorge für aufsehenerregende Events und Publizität.
  • Unterstütze Sichtbarkeit und auffälliges Verhalten.
  • Begleite dies mit einfühlsamen Geschichten.
  • Sei phantasievoll.

 

Kurzerhand: outet euch!

 

 

 

Frans Corten (out@werkenwaarde.nl) arbeitet seit 2001 selbstständig als Coach und Karriereberater für Hochbegabte in seiner Beratungsstelle ‚Werk en Waarde’. Er hat verschiedene Artikel geschrieben über Hochbegabte und deren beruflichen Wege, teils auch auf englisch (www.werkenwaarde.nl).

 

Caro van Eck (caro.vaneck@mensa.nl) arbeitet als Psychodiagnostikerin in der Sonderpädagogik. Zusammen mit deren schwulen Vater erzieht sie 2 hochbegabte Kinder. Sie ist Gründerin und SIGSec der lesSIG, eine Gruppe für lesbische und hochbegabte Frauen bei Mensa. In 2011 hat sie die Initiative ergriffen diesen Artikel für das deutsche Sprachgebiet zu übersetzen.

 

Dieser Artikel ist eine Bearbeitung eines in 2007 gehaltenen Vortrags und ist ursprünglich in 2008 als Kapitel des Buches ‚Hoogbegaafd, dat zie je zó!’ unter Redaktion von Maud (Kooijman) van Thiel erschienen. Dieses Buch ist im Niederländischen zu bestellen unter www.oya-psychotherapie.nl. Bei dieser Übersetzung sind die Fußnoten die auf niederländische Zeitungs- und Zeitschriftenartikel hinweisen weggelassen.

 

 










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